So ist die aktuelle Situation auf den griechischen Inseln

Momentan sitzen auf den griechischen Inseln Lesbos, Chios, Samos, Kos und Leros knapp über 16.000 Menschen fest. Hier gibt es einen kurzen Überblick über die aktuelle Situation auf den drei größten Ägäis-Inseln Lesbos, Samos und Chios. Alle Zahlen kommen aus der offiziellen Statistik des griechischen Ministeriums für Migration, die ihr hier einsehen könnt. 

Lesbo 

Belegung: 6572
Kapazität: 10000 

Die Lage auf Lesbos ist seit dem Brand im September 2020 nahezu unverändert. Die Schutzsuchenden, die zuvor in Moria gelebt haben, wurden in das neue Lager gezwungen. Dort wurde ihnen der über Tage hinweg der Zugang zu Lebensmitteln und medizinischer Versorgung verwehrt wurde. Einige hundert Menschen leben nach wie vor versprengt über die Insel unweit der Hauptstadt Mytilini im Wald. Sie weigern sich, erneut in ein Lager zu gehen, nachdem sie zum Teil über Jahre im Elend des alten Morias leben mussten. In den Wochen nach dem Brand wurden nach und nach viele Schutzsuchende mit anerkanntem Flüchtlingsstatus nach Athen transferiert. Einige Hundert wurden in der Zwischenzeit auch von anderen EU-Mitgliedstaaten aufgenommen und sind dorthin gebracht worden. Momentan leben in dem neuen Lager auf Lesbos rund 6500 Menschen. Zudem leben rund 1500 weitere Schutzsuchende in anderen Unterbringungen auf der Insel. 

Hygiene
Die Situation der Menschen im neuen Lager ist katastrophal. Es gibt bis heute keine einzige Dusche, momentan werden – Monate nach Bezug – die ersten rund 50 Duschen installiert, die auch als “Eimerdusche” bezeichnet werden. Nach wie vor gibt es keine einzige feste Toilette, lediglich Dixiklos. Weiterhin gibt es kein einziges Waschbecken. Es gibt kein fließendes Wasser, lediglich eine Notversorgung mit mobilen Wassertanks vom UNHCR.

Ansteckende Krankheiten sind eines der größten Probleme der Bewohner*innen des neuen Lagers. Covid-19 ist nach wie vor nicht in einem befürchteten Maße ausgebrochen. Dafür sind die Krankheiten zurück, die auch im alten Moria schon da waren, unter anderem Krätze. Es gibt kaum Menschen, die nicht davon betroffen sind. Die medizinische Versorgung ist kaum vorhanden, Kinder spielen mit aufgekratzten Armen und Beinen im Schlamm. Wunden können nicht versorgt werden und entzünden sich. Für das neue Lager gibt es kaum medizinisches Personal.

Verpflegung 
Essen bekommen die Menschen momentan zweimal am Tag. Ein dürftiges Frühstück (meist 2-3 Obststücke und 1 trockenes Brötchen) und eine weitere Mahlzeit. Seit dem erneuten vollständigen Lockdown des Lagers wurden die Rationen leicht erhöht. Vorher konnten sich die Schutzsuchenden bei Lidl nebenan zumindest noch ein wenig selbst verpflegen. 

Untergrund mit Bleivergiftung
Das neue Lager ist ohne Vorbereitungen auf einem ehemaligen Schießplatz der griechischen Armee errichtet worden. Hilfsorganisationen und Politiker*innen warnten schon im September, dass das Gelände aus diesem Grund nicht für eine Unterbringung von Menschen geeignet wäre. Nun hat die griechische Regierung nach öffentlichem Druck eine Untersuchung des Bodens veranlasst. Erhöhte Bleigehalte des Bodens wurden wie erwartet festgestellt. Laut Aussage des Ministeriums wurden zwölf Proben entnommen, eine davon war über dem internationalen Grenzwert. Laut der WHO kann man bei Bleiverseuchung aber nie von einer für Menschen ungefährlichen Belastung sprechen. Die Untersuchungen wurden am 08. Dezember 2020 abgeschlossen und lagen dem Ministerium seitdem vor. Als Schutzmaßnahme ist geplant, neue Erdschichten aufschütten. Dabei ist unklar, ob gerade das Bewegen von Erde nicht am Ende sogar noch gefährlicher ist. Fakt ist in jedem Fall: die griechische Regierung hat bewusst die Menschen der Gefahr einer Bleivergiftung ausgesetzt.

Stürme 
Wie in jedem Jahr ist der Winter in der Ägäis geprägt von schweren Stürmen. Fast jede Woche gibt das zuständige Ministerium eine Sturmwarnung für die Inseln aus. Durch die Lage auf einer Landzunge mit zwei offenen Seiten zum Meer ist das neue Lager auf Lesbos dem Wind und dem Regen schutzlos ausgeliefert. Zelte werden überschwemmt und weggerissen, der Kiesuntergrund ist tagelang mit riesigen Wasserpfützen durchzogen. In einer der Nächte kippte eine ganze Reihe der Chemietoiletten um. 

Samos

Belegung: 3426
Kapazität: 648 

Nicht weniger schlimm ist die Lage auf Samos. Hier leben auf der Insel offiziellen Zahlen zufolge rund 4000 Menschen, 3800 in dem offiziellen Lager unweit der Hauptstadt Vathy. Tatsächlich ist das Lager für eine Kapazität von 648 Personen erbaut worden. Der Rest lebt in den Waldstücken rund um das Lager. Die meisten Menschen auf Samos leben demnach nicht in den Containern des Reception and Identification Centers (RIC) sondern in Zelten und selbstgebauten Unterbringungen. 

Hygiene
Das Lager auf Samos hat nicht nur ein Problem mit der Überbelegung und Grundversorgung, sondern stellt für Menschen mit besonderen Bedürfnissen große Herausforderungen im Lebensalltag dar. Der Untergrund ist mit Rollstühlen, Gehhilfen, etc. eigentlich nicht begehbar. Hinzu kommt, dass das Erdbeben in der Ägäis und der Brand in der letzten Woche noch einmal Schäden hinterlassen haben. 

Verpflegung
Feste Sanitäranlagen gibt es nur im befestigten Teil, für den Rest stehen Chemietoilletten zur Verfügung, die meist eigentlich unbenutzbar sind. Innerhalb des “wilden” Teils gibt es sehr viele Schlangen und Mäuse. Es gibt Wasserversorgung, das allerdings nicht zum Trinken geeignet ist, sondern von den Schutzsuchenden mit Hilfe von Flaschen zum Waschen genutzt wird. Trinkwasser und die Essensrationen werden vom Militär ausgegeben, üblicherweise stehen die Menschen lange in der Schlange an. 

Aktuelles 
Das Lager war immer schon zwischen 7 Uhr abends und 7 Uhr morgens mit Ausgangsbeschränkungen belegt, seit Corona befindet es sich im Lockdown. Das heißt, die Schutzsuchenden dürfen grundsätzlich nur mit einer Ausnahmegenehmigung raus. Das örtliche Krankenhaus nimmt keine Geflüchteten mehr an, auch nicht mit Termin wie sonst vorher möglich. Medizinische Nothilfe wird lediglich von einer Ärztin und zwei Krankenpflegerinnen geleistet. 

Chios

Belegung: 2385
Kapazität: 1014 

Es gibt wohl eine große Zahl an Menschen, die entweder ein anerkannten Schutzstatus haben oder eine zweite Ablehnung bekommen haben, aber in Vial weiterhin leben, weil sie nirgendwo hin können. Geschätzt wird, dass sich momentan im und um das Lager Vial 4500 Menschen aufhalten. Sie versuchen von den Resten der Essensverteilung zu leben und stellen sich am Ende der Schlange an. 

Hygiene 
Eine Firma reinigt täglich die Toiletten, Freiwillige reinigen sie ein zweites Mal, was offensichtlich notwendig ist. Medizinische Versorgung wird von einer Ärztin und einer spanischen NGO geleistet. Nur in wenigen Zelten gibt es Strom. Ein großes Problem ist, dass die Chemietoiletten, die für den unbefestigten Teil aufgestellt wurden, von Schutzsuchenden entwendet, auseinandergebaut und zweckentfremdet oder selbst benutzt wurden. Sanitäre Versorgung ist dadurch noch einmal katastrophaler geworden. 

Abgesehen davon, dass die positiven Fälle in Containern zusammen untergebracht sind, gibt es keinerlei Corona-Schutzmaßnahmen. Die Menschen sind völlig auf sich allein gestellt.